Sonderausstellungen

01. Oktober 2020 bis 31. Oktober 2022
Luthers Sterbehaus | Lutherstadt Eisleben

Raus mit der Sprache!

Die Sprache Martin Luthers hat die Welt bewegt: Seine und unsere heutige Sprache werden in unserer Mitmachausstellung „Raus mit der Sprache!“ in Eisleben erfahrbar – experimentell, interaktiv und spielerisch!

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24. Juni 2022 bis 09. Juli 2023
Augusteum | Lutherstadt Wittenberg

Tatort 1522 – Das Escapespiel zur Lutherbibel

Zum 500-jährigen Jubiläum von Luthers Bibelübersetzung präsentieren wir eine Mitmachausstellung im Escape-Raum-Format. Die Ausstellung ist für Schulklassen sowie für Familien und Erwachsenen-Gruppen geeignet.

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Leben und Werk Reuchlins

30. Juni 2022
Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

Heute vor 500 Jahren starb Johannes Reuchlin.

Was wäre, wenn … Wie hätte sich die Reformation entwickelt, wenn Reuchlin und nicht Melanchthon nach Wittenberg gekommen wäre? Hätte es auch dann einen „Praeceptor Germaniae“ gegeben, durch den die Reformation zu einer wirkmächtigen Bildungsbewegung wurde? Hätte es das einflussreichste evangelische Bekenntnis, die „Confessio Augustana“, gegeben? Diese Fragen sind hypothetisch, aber es hätte eben doch auch ganz anders ausgehen können. Denn als Kurfürst Friedrich der Weise 1518 für seine Wittenberger Universität einen Griechischprofessor berufen wollte, dachte er an den damals bekanntesten Griechischkenner Deutschlands: Johannes Reuchlin. Dieser hatte bereits zahlreiche Übersetzungen aus dem Griechischen publiziert und besaß zudem als Hebraist einen großen Namen.
Er war neben Erasmus der berühmteste Humanist seiner Zeit, ein rundum gebildeter “vir trilinguis“, also ein Mann, der alle drei alten Sprachen, Latein, Griechisch und Hebräisch, beherrschte. Doch Reuchlin lehnte das kurfürstliche Angebot ab und gab als Begründung sein Alter an. Der 1455 in Pforzheim geborene Gelehrte war schon 63 Jahre alt und hatte bereits ein arbeitsreiches, turbulentes Leben hinter sich: studierter Jurist, Diplomat am württembergischen Hof und Richter des Schwäbischen Bundes, ein erfolgreicher Komödienautor, Verfasser einer hebräischen Grammatik und zweier kabbalistischen Schriften und mitten drin in einem langwierigen Gerichtsverfahren gegen Papst und Kirche. Denn er hatte sich 1510 als einziger in einem Gutachten gegen die Verbrennung der jüdischen Schriften ausgesprochen und war deshalb wegen Ketzerei und Judenfreundschaft angeklagt worden.

Natürlich kannte auch Luther Reuchlin. Er hatte beim Studium in Erfurt Reuchlins ablasskritische Komödie “Sergius“ gelesen und hatte mit Hilfe der “Rudimenta hebraica“, der Hebräischgrammatik Reuchlins, die Sprache des Alten Testaments studiert. Doch Luther hatte einen ganz anderen Griechischkundigen im Blick: Er wollte den jungen Leipziger Dozenten Petrus Mosellanus als Griechischprofessor nach Wittenberg holen. Kurfürst Friedrich setzte sich letztendlich durch: Reuchlin hatte als Ersatz seinen “sonnderlieben vettern, maister Philipp Schwartzerdt von Bretten“ empfohlen, und auf Reuchlins Urteil vertraute der Kurfürst.

Mag Reuchlin auch nicht nach Wittenberg gekommen sein - er wurde im hohen Alter noch Griechisch- und Hebräischprofessor in Ingolstadt (1520/21) und in Tübingen (1521/22), da er den 10 Jahre andauernden Prozess (1510-1520) verloren hatte und Geld brauchte -, so blieb Reuchlin den Wittenberger Studenten gleichwohl nicht unbekannt. Denn Melanchthon streute immer wieder Anekdoten von ihm in seine Vorlesungen ein, etwa dass Reuchlin zum Mittagessen nie mehr als einen Gang zu sich nahm und v. a. im Sommer nur Weinschorle trank.

30 Jahre nach Reuchlins Tod (30. Juni 1522), also im Jahr 1552, hielt Melanchthon sogar eine öffentliche Rede über ihn. Ausführlich schildert er Leben und Werk Reuchlins, bis heute eine der wichtigsten Quellen zur Biographie des berühmten Humanisten. Obgleich dieser sich nicht der Reformation anschloss und die reformatorischen Neuerungen als Unruhen ablehnte, blieb er doch das große Vorbild Melanchthons bis in seine letzten Lebenstage. Denn noch einen Tag vor seinem Tod erinnerte er sich, dass sich auch Reuchlin, um sich warm zu halten, nachts eine Schlafhaube aus Leinen über den Kopf zog.

Wir erinnern uns heute an Reuchlin als einen Mann, der sich als erster nördlich der Alpen mit der Sprache und Kultur des Judentums beschäftigte und sich für den Erhalt der jüdischen Tradition einsetzte. Er tat dies nicht nur wissenschaftlich, sondern plädierte auch öffentlich für die rechtliche Sicherheit der Juden. So ist er für uns heute ein beeindruckendes Vorbild für Humanität und Toleranz, eine Persönlichkeit, die mit der Aufforderung, das Fremde, nur weil es fremd und anders ist, nicht zu verachten, aktueller denn je ist.                  

 

Autor: Dr. Stefan Rhein, Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

 

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