Schloss Hartenfels, Torgau

Ort

Schloss Hartenfels in Torgau ist der Residenzort der sächsischen Kurfürsten und das politische und administrative Zentrum jenes frühneuzeitlichen Territorialstaates, der die Ideen der Reformatoren wie kein anderer zur Grundlage seines Selbstverständnisses und dem seines Landesherrn machte. Dies wird in einzigartiger Form in der Architektur und der dekorativen Ausstattung des Gebäudes demonstriert. Die Schlosskapelle wurde eigens für den evangelischen Gottesdienst konzipiert und von Luther selbst geweiht.

Schloss Hartenfels besteht aus fünf ungleichen Gebäudeflügeln, von denen vier den großen Innenhof in Form eines unregelmäßigen Vierecks umschließen. Der fünfte Flügel ist eine Zutat aus dem späten 18. Jahrhundert und überspannt den Graben zur Stadt hin. Die hohen, überwiegend dreigeschossigen Gebäude verleihen dem Bauwerk in Verbindung mit acht Türmen, zahlreichen Giebeln und Erkern eine lebendige und zugleich monumentale Gestalt. Architektonische Höhepunkte der Anlage bilden der Große Wendelstein am Hauptflügel, der Schöne Erker am ehemaligen Wohntrakt der Kurfürsten, die Schlosskapelle und der Hausmannsturm. Ein repräsentatives Tor aus der Spätrenaissance macht das Schloss von der Stadt her zugänglich. Flankiert wird dieses von einem schlanken Glockenturm.

Die neue Schlosskapelle, ein von zweigeschossigen Emporen umgebener, von einem Rippengewölbe mit Netz- und Sternfiguren überspannter Saal wurde als erster ausschließlich für den protestantischen Gottesdienst bestimmter Sakralbau errichtet. Mit ihm legte der sächsische Kurfürst Johann Friedrich sein Bekenntnis zur Lehre Luthers ablegen und unterstrich seine Führungsrolle im protestantischen Bündnis. Luther selbst vollzog 1544 die Weihe, einen vom Kurfürsten genau geplanten Staatsakt von großer politischer Tragweite. Der zentralen Rolle der Predigt im protestantischen Gottesdienst entsprechend, rückte die Kanzel in den Mittelpunkt des Raumes, hier an die nördliche Langseite, gut einsehbar von allen Seiten.

Geschichte

Die bereits in slawischer Zeit vorhandene Befestigung am Elbufer entwickelte sich zur Burg und wurde in der Mitte des 10. Jahrhunderts zum Zentrum eines deutschen Burgwards und zur Keimzelle der späteren Bürgerstadt. Die Torgauer Burg formte sich im späten 15. Jahrhundert schrittweise zu einem frühneuzeitlichen Schloss, welches gemeinsam mit der Albrechtsburg in Meißen, dem spätgotischen Schloss in Dresden und dem Schloss zu Wittenberg die frühe Schlossbau-Tradition in Sachsen und im Reich insgesamt begründete.

1485 fiel Torgau an das ernestinische Kurfürstentum Sachsen, dessen Herrschaftsschwerpunkt sich immer mehr nach Torgau verlagerte. Ab 1525, in jener Zeit als sich die Reformation durchzusetzen begann, wurde Torgau zur wichtigsten Residenz und damit zum politischen Zentrum jenes Landes, das sich am vehementesten der Lehre Luthers verschrieben hatte und sein staatliches wie herrschaftliches Selbstverständnis darauf gründete. Die Reformatoren und Gelehrten der Wittenberger Universität weilten häufig hier, um dem Kurfürsten und seinen Räten in theologischen, religionspolitischen, aber auch in praktischen Fragen der Kirchenorganisation zur Seite zu stehen. Allein für Luther sind etwa 60 Aufenthalte in Torgau nachweisbar. Damit ist es jene Stadt, die am häufigsten von ihm aufgesucht wurde. Insbesondere die Schlosskapelle stellt nicht nur einen authentischen Wirkungsort Luthers dar, sondern ist vielmehr auch der Ort, an dem der Reformator die Anforderungen des evangelischen Gottesdienstes an Bau und Ausstattung vorbildhaft definierte.

In unmittelbarer Umgebung und mit direktem Bezug zum Schloss befinden sich weitere authentische Reformationsstätten: Die kurfürstliche Kanzlei, die Alte Superintendentur und die Stadtkirche St. Marien als ehemalige Hofkirche mit den Grabmälern der Herzogin Sophie von Mecklenburg - Mutter von Kurfürst Johann Friedrich - sowie von Katharina von Bora, Martin Luthers Ehefrau. In der Nähe ihres Sterbehauses, der heutigen „Katharina-Luther-Stube“, befindet sich zudem das Priesterhaus von Georg Spalatin.

Das Schloss erlitt diverse Schäden insbesondere durch den Dreißigjährigen Krieg und wurde seit den 1990er Jahren verschiedentlich restauriert. Zuletzt erhielt 2014 der große Wendelstein seine ursprüngliche Farbfassung zurück, und die prächtige Wappengalerie wurde wiederhergestellt. Derzeit werden die ehemaligen Kurfürstlichen Gemächer, die in unmittelbaren räumlichen und historischen Zusammenhang mit der Schlosskapelle  stehen restauriert und ab Herbst 2017 im Rahmen Dauerausstellung  der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Bedeutung

Schloss Hartenfels steht in außergewöhnlicher Weise für die politische Seite der Reformation, aber auch für ihre enge Verbindung mit der reformatorischen Theologie.

Hier schlugen sich die Ereignisse der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts baulich in einer Weise nieder, die die Reformation als tragende Staatsidee erkennen lässt: Das Schloss ist ein architektonisches Manifest der ernestinischen Wettiner als Schutzherren und Beförderer der Reformation. Zu nennen ist in diesem Zusammenhang in erster Linie die Schlosskapelle als erster evangelischer Kirchenneubau der Welt, die maßgeblich durch Luther selbst konzipiert und schließlich geweiht wurde, wodurch sie sich zu einem Vorbild für andere Kirchen entwickelte.

Aus der von Luther und der Wittenberger Universität ausgehenden Bewegung zur Erneuerung der Kirche entwickelte sich alsbald ein politischer Emanzipationsprozess protestantischer Reichsstände gegen den katholischen Kaiser. In das gesamte Reich und darüber hinaus reichende konfessionspolitische Aktivitäten nahmen von Torgau ihren Ausgang. Das Schloss war Zentrum territorialstaatlicher Machtausübung wie auch Ort zur Anbahnung und Pflege reichspolitischer Beziehungen. 1526 wurde hier ein erstes Bündnis der protestantischen Reichsstände geschlossen. Hier fanden mit den „Torgauer Artikel“ auch die ersten Vorbereitungen für die ‚Confessio Augustana‘ 1530 statt. Nicht zuletzt erlebte die evangelische Kirchenmusik hier mit ihrem ‚Urkantor‘ Johann Walter bedeutende Aufführungen.

Schloss und Schlosskapelle sind aufs Engste mit der Biografie Luthers verbunden. Das Bewusstsein um die Bedeutung des Schlosses in der Reformationszeit ist zu keinem Zeitpunkt erloschen, wie sich an diversen Instandsetzungsmaßnahmen im Gedenken an den Reformator materiell fassen lässt bzw. an der Begehung reformationsgeschichtlich bedingter Feierlichkeiten eindrücklich zeigt.

Kontakt

Schloss Hartenfels Torgau
Schlossstraße 27
04860 Torgau
www.schloss-hartenfels.de

Führung und Tourist-Information
Torgau-Informations-Center
Markt 1, 04860 Torgau

Tel. 03421 – 70140
www.tic-torgau.de